Gertrud Dörr

Gertrud Dörr

(1915 - 2010)

Kusel

Ein Leben für behinderte Menschen

Der Wunsch, Lehrerin zu werden, keimte schon früh in Gertrud Dörr, die am 21.08.1915 in Kaiserslautern geboren wurde. Einer ihrer drei Brüder erkrankte an Kinderlähmung, und so erwarb sie frühzeitig die Fähigkeit zum unverkrampften und liebevollen Umgang mit behinderten Menschen. Dass sie ein pfalzweites Modellprojekt für deren Integration in die Gesellschaft auf den Weg bringen würde, war damals noch nicht vorauszusehen.

Nach der Volksschulzeit besuchte Gertrud Dörr die Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Kaiserslautern, wo sie 1936 und 1940 ihre Prüfungen ablegte. Ihre erste Stelle trat sie in Schweisweiler im heutigen Donnersbergkreis an, wo sie acht Jahrgänge in einer Klasse unterrichtete. Sie heiratete den Gewerbelehrer Eugen Dörr, 1944 wurde Tochter Irmela geboren. Nach dem Kriegsende musste Gertrud Dörr ihre geliebte Tätigkeit als Dorfschullehrerin wegen der heimkehrenden männlichen Kollegen aufgeben. 1947 zog die kleine Familie nach Kirchheimbolanden, wo Gertrud Dörr 1958 ihren Dienst als Volksschullehrerin an der Mittelpunktschule wieder aufnahm. Als ihr Ehemann 1966 Leiter der Berufsschule Kusel wurde, verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Kusel.

1967 wurde die „Lebenshilfe für geistig Behinderte Kreisvereinigung Kusel“ gegründet und eröffnete in Liebsthal eine „Tagesstätte mit Kindergarten für geistig behinderte Kinder“, deren Leitung Gertrud Dörr übernahm. Trotz ihrer eigenen Bedenken, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, absolvierte sie sonderpädagogische Seminare in Mainz und entwickelte so die Behindertenarbeit für sich zu einer echten Lebensaufgabe. In der Tagesstätte bot sie über 30 Kindern fachkundig und warmherzig Musik-, Mal- und Basteltherapie, sprach- und gesundheitsfördernde Programme sowie Erziehung zu selbstständiger Alltagsgestaltung an. 1971 wurde die erste „Sonderschule für geistig behinderte Kinder“ in Blaubach bei Kusel gegründet, und die Tagesstätte wechselte später auch dorthin. Gertrud Dörr unterrichtete fortan als Förderschullehrerin bis zu ihrer Ruhestandsversetzung 1975 an der Sonderschule in Kusel. 1977 griff Gertrud Dörr den vielfachen Elternwunsch nach Freizeitgestaltung am Wochenende auf und gründete den „Club Liebsthal“, benannt nach dem Ort der damaligen Tagesstätte. Es war der Beginn ihrer so erfolgreichen und in unserer Region bahnbrechenden Form der Behindertenarbeit. Ihre Hauptanliegen waren der Abbau von Vorurteilen und die dauerhafte gesellschaftliche Integration behinderter Mitmenschen. Zweimal monatlich führte sie samstagnachmittags bis zu 20 behinderte Jugendliche, Frauen und Männer im Alter von 15 bis 37 Jahren, deren Familienangehörige sowie Interessierte zu den Clubtreffen zusammen. Zunächst als Freizeitclub angelegt, boten die Treffen Abwechslung und Befreiung aus der Isolation. Bei Kaffee und Kuchen, gemeinsamem Singen und Spielen, Theaterfahrten und Weihnachtsfeiern konnten sich auch die Angehörigen austauschen. Als Referentin zum Thema „Behinderte Menschen in unserer Gesellschaft“ gelang es Gertrud Dörr, Berührungsängste abzubauen. Bald wurde der Club von zahlreichen Gruppen, Vereinen - allen voran die Landfrauen -, kirchlichen Einrichtungen, Privatpersonen und Institutionen eingeladen. Hinzu kamen Ausflüge zu den verschiedensten Gastgebern, die dem Club Liebsthal Feiern, Gartenfeste, Kaffeetafeln oder ähnliches ausrichteten. 58 solcher Einladungen hat Gertrud Dörr in ihrer aktiven Zeit im Club Liebsthal organisiert. Aber auch Elternberatung, juristische Unterstützung und seelischer Beistand kamen bei dem 1980 gebildeten „Eltern- und Freundeskreis Club Liebsthal“ nicht zu kurz.

Noch mit weit über 70 Jahren war Gertrud Dörr als Leiterin des Club Liebsthal aktiv. Anerkennung erhielt Gertrud Dörr vor allem von den behinderten Menschen selbst, die ihren Einsatz mit Liebe und Dankbarkeit honorierten. Würdigung erfuhr die Clubarbeit Gertrud Dörrs ebenso in der Presse. So schilderte sie, 81-jährig in einem Zeitungsinterview: „Diese Jahre waren für mich ungemein wichtig. Sie bedeuteten mir Kraftquell und innere Bereicherung.“ Der Club Liebsthal, dessen Elternkreis heute noch besteht, war ein Modell der Behindertenarbeit, das landesweit Beachtung fand. Die Verdienstmedaille des Landkreises Kusel und das Bundesverdienstkreuz am Bande waren wohlverdiente offizielle Auszeichnungen für die Arbeit Gertrud Dörrs.

Neben all diesem Engagement für behinderte Mitmenschen kamen ihre Familie und ihre Hobbys Musik, Malerei, Gartenarbeit und die Liebe zum Autofahren nicht zu kurz. Im Haus in Kusel-Diedelkopf lebte sie mit Ehemann, Tochter, Schwiegersohn und den beiden Enkeln. Erst in ihren letzten Lebensjahren verließen sie ihre geistigen Kräfte. Gertrud Dörr verstarb im Kreise ihrer Familie im Alter von 95 Jahren.

Autorin: Birgit Schnorr
Foto: Privat
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