Klara Kläres

Klara Kläres

(1887 - 1977)

Jettenbach

Aus dem Leben der Musikantenfrau

Als Klara Cappel (*10.5.1887, +5.5.1977 ) den Wandermusikanten August Kläres (* 13.10.1880, +26.9.1949 ) heiratete, sollte sich ihr bisheriges Leben grundsätzlich ändern. Klara kam als 9. Kind des Wagnermeisters Jakob Cappel und seiner Frau Philippina geborene Hafner in Jettenbach zur Welt. Obwohl sie in einer Handwerkerfamilie aufgewachsen ist, hatte sie eine enge Bindung zum Wandermusikantentum. Fast in allen Nachbarhäusern wohnten Familien, deren Väter und Söhne als Wandermusikanten auszogen. Auch ihr Großvater Philipp Hafner II. zählte zu den ersten nachweisbaren Wandermusikanten des Dorfes. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern bereiste er schon in den frühen 1840er Jahren England. Auch ihr Onkel mütterlicherseits, Philipp Kläres, zählte zu den führenden Musikern des Dorfes. So waren ihr das Wesen der Musiker und deren Familienleben sicherlich nicht fremd.
In ihrem familiären Umfeld war von frühester Kindheit an ihre Arbeitskraft gefragt, denn die Mutter war über 25 Jahre in ihrer Mobilität fast vollkommen eingeschränkt. Neben der Hausarbeit galt es für die Mädchen der Familie auch noch einen Teil der Arbeit im Stall zu erledigen. Hier mussten die beiden Kühe, die Schweine und die Hühner versorgt werden. Weiterhin war die Garten- und Feldarbeit ein fester Bestandteil in Klaras Jahresablauf. Der Vater konnte nicht immer mit aufs Feld und so mussten die jüngeren von den älteren Geschwistern lernen. Klaras Vater hatte genügend Arbeiten in seiner Werkstätte als Wagner und Drechsler zu erledigen. Neben Klara lebten um die Jahrhundertwende noch ein Bruder und die beiden jüngeren Schwestern in der Familie. Nach dem für Klara recht frühen Tod der Eltern (Vater 1905, Mutter 1907), musste sie in den Haushalt entfernter Verwandten im Ort wechseln. Ständige Mitarbeit in Haus und Feld prägten ihren Tagesablauf, was sie ja von Zuhause aus gewöhnt war. So war sie wohl froh, als sie den Wandermusikanten August Kläres kennenlernte und später heiraten durfte. Nach der Heirat konnte sie ins Elternhaus ihres Mannes ziehen und den eigenen Haushalt mit der Schwiegermutter führen. Bereits der Vater und Großvater von August Kläres waren Wandermusikanten und so kam sie in eine ortstypische Musikerfamilie.
1893 zog August Kläres, mit 12 ½ Jahren erstmals als Wandermusikant in die weite Welt. Wie aus den Reisepassunterlagen zu ersehen ist, beabsichtigte seine „Bardie“ , welche aus Jettenbachern bestand, die Länder Russland, Österreich und die Türkei zu bereisen. Auch 1896/97 scheint er mit der „Bardie“ seines Vaters in Russland gewesen zu sein. In späteren Jahren besuchte er auch Holland (1899), USA und Australien (1902), wo ein Bruder von ihm sesshaft wurde.
Nach dem Ersten Weltkrieg war den Musikern die Einreise in manches bisherige Reiseland verwehrt. Für August bot sich nun die Möglichkeit nach Holland zu reisen. So konnte er jeden Winter zu Hause bei der Familie verbringen. Als Klara ins Elternhaus ihres Mannes zog, lebte lediglich noch die Schwiegermutter bei dem jungen Paar. Doch dies sollte sich bald ändern. Bereits 1909 wurde ihre erste Tochter geboren. Bis 1920 folgten noch zwei Töchter und drei Söhne. Durch die Abwesenheit des Vaters lag die Geburt der Kinder, wie bei den meisten anderen Musikerfamilien in den Sommer- und Herbstmonaten. Auch hier war Klara auf sich selbst gestellt, da ihr Ehemann berufsbedingt nicht heimkommen konnte. Auch beim Tod des zweiten Kindes, dem Sohn Kurt (+ 16.8.1912), war Klara in ihrer Trauer auf sich allein gestellt.
Trotz der Schwangerschaften hatte Klara ihren Haushalt zu bewältigen, versorgte die Kinder, die Schwiegermutter und die kleine Landwirtschaft. Dies alles war wohl nur mit Unterstützung durch Nachbarn und Verwandte zu schaffen. Sicherlich prägten solche Erlebnisse das Wesen der Musikantenfrau. Während des Ersten Weltkrieges war Klara erneut allein, denn nun wurde August an der Front benötigt.
Als August Kläres aus dem Krieg heimkehrte, wusste keiner wie es weitergehen sollte. Das Jahr 1919 musste man von der eigenen, kleinen Landwirtschaft leben. Es war vielleicht das erste Jahr seit Augusts Kindheit, wo er während der Sommermonate auch daheim im Dorf war. Beide fragten sich, ob er in absehbarer Zeit wieder als Musiker in ferne Länder reisen könne. Doch schon das nächste Jahr brachte Gewissheit, dass das Musikerwesen erneut eine Einkommensmöglichkeit bot, denn August hatte ja keinen anderen Beruf als das Musizieren erlernt. Körperliche Arbeit war ihm fremd und so waren beide froh, dass er 1920 wieder in einer Kapelle benötigt wurde.
Bisher war August mit wechselnden „Bardien“ unterwegs und kehrte nicht jeden Herbst heim. Erstmals im Jahre 1920 ging August Kläres mit der Ulrichskapelle nach Holland. Der Altmusiker Heinrich Ulrich aus Kaulbach, konnte nur die Besten in seiner Kapelle gebrauchen. In Scheveningen im Kurpark hatte er über etliche Jahre ein festes Arrangement für seine Kapelle, wo die Elite der Wandermusikanten unterkommen konnte. Gerade in den Inflationsjahren verdienten die Musikanten hier gutes, hartes Geld. Der holländische Gulden, auch „Gille“ genannt, war ein begehrtes Zahlungsmittel in den schweren Inflationsjahren. Jeder Handwerker freute sich wenn er einen Auftrag von den „Gilleweibern“ erhielt - so nannte man die Musikantenfrauen, deren Männer holländisches Geld heimschickten. August verdiente das Geld und Klara verwaltete es. Bedingt durch den guten Verdienst ihres Mannes konnte Klara vielleicht auch manche Feldarbeit gegen Bezahlung verrichten lassen. Es war durchaus üblich, dass die Pferdebauern dies gern erledigten, denn so konnten auch diese etwas „Musikantengeld“ abbekommen. Im Herbst, um Martini, wurde dann mit den Musikerfamilien abgerechnet.
Durch das in Holland verdiente Geld von August, konnte jedes Jahr der Hausstand (Möbel, Kleidung, Landwirtschaft) gegenüber der bäuerlichen Bevölkerung beträchtlich verbessert werden. Ob sich damals ein gewisser Neid gegenüber diesen Musikantenfrauen in den Dörfern aufbaute, ist heute nicht mehr bekannt.
In den Wintermonaten wurde vieles im familiären Bereich erledigt, was Klara alleine nicht entscheiden konnte. Gegen Ende der 1920er Jahre musste man feststellen, dass das Musikergewerbe keine großen Spielräume mehr hatte und für die Kinder, insbesondere die Söhne, keine Zukunftsperspektive mehr bot, wie es bisher ja traditionell war.
Immer noch reiste der Vater mit der Ulrichskapelle nach Holland. Diese mehr als zehn Musiker umfassende „Bardie“ hatte in Scheveningen ein festes Quartier und benötigte hier auch jemanden, der die Musiker versorgte. So kam es, dass Klara nacheinander ihre beiden Töchter Anna und Frieda in die Obhut ihres Mannes übergab und diese jungen Frauen mit nach Holland gingen.
Beide Töchter, Anna und Frieda, führten nacheinander den Haushalt der Musiker. Unter strengen Vorgaben des Vaters, musste für diese gesorgt werden. War am Abend alles erledigt, hatte sich die „Haushälterin“ in ihr Zimmer zu begeben. August kontrollierte dies und schloss jeden Abend seine Tochter ein. War der Vater um die Ehre der Töchter besorgt oder versuchte er zu verhindern, dass man vom Umfeld der Musiker etwas mitbekam?
Scheveningen war ein beliebter Kurort für den europäischen Adel. Kaiser, Könige und die russische Zarenfamilie trafen sich hier. Was konnten die Musiker so alles mitbekommen und sehen, bis der 1. Weltkrieg dem Adel diese Zusammenkünfte nahm. Auch nach dem Ersten Weltkrieg bot Scheveningen gute Verdienstmöglichkeiten. Die Kuranlagen wurden nun statt vom Geburtsadel vom Geldadel genutzt.
Dies war natürlich Gesprächsstoff an den langen Winterabenden. Wie die Tochter Anna Hamm geborene Kläres einmal erzählte, empfand sie es als Kind unwahrscheinlich interessant und heimelig, wenn Vater und Mutter in trauter Zweisamkeit abends in der Küche auf der Holzkiste zusammensaßen. Die Kinder lauschten den Erzählungen des Vaters und empfanden diese Nähe der Eltern als ungewohnt, aber sehr angenehm. Sie spürten die Verbundenheit der beiden, welche über die Sommermonate fehlte. Was wusste man schon im Heimatdorf von den Kurorten. Die Erzählungen des Vaters waren für alle Einblicke in eine unbekannte, ferne Welt.
Die Wintermonate nutzte August auch um neue Noten aufzuschreiben und diese zu erlernen. Weiterhin war er in der großen Kapelle des Musikvereins Jettenbach aktiv. Diese Kapelle konnte ihre Hauptaktivitäten in den Wintermonaten aufweisen. Wöchentliche Proben und eine Abendunterhaltung (Theater, Konzert, Tanz) an Weihnachten oder Neujahr zählten dann auch für Klara zu den gesellschaftlichen Höhepunkten im Winter.
Für Klara gab es auch im Winter viel Arbeit. So hatte sie die Kleidung und Uniform ihres Mannes in Ordnung zu bringen, denn im Frühjahr ging es erneut nach Holland. August musste unterdessen im Haushalt mithelfen. Im Winter ging man einige Tage Holz machen, um für die Familie zu sorgen. Mit dem Kuhgespann schaffte man es nach Hause. War das Wetter günstig, half August auch noch bei der Herbst- oder Frühjahrsaussaat. Für alle anderen Tätigkeiten in der kleinen Landwirtschaft war Klara auf sich selbst gestellt. Sie meisterte dies ohne Probleme, denn sie war es ja von Jugend auf gewöhnt.
Stand allmählich der Tag der Abreise an, packte sie gemeinsam mit August die großen Musikantenkoffer. Man durfte nichts vergessen, denn schließlich sah man sich erst im Herbst wieder. Später hatte sie sich auch noch um das Gepäck der Töchter zu kümmern. Rückte der Abreistag näher, musste die Fahrt zur Bahnstation organisiert werden. Ein Fuhrwerk brachte dann die Koffer von August und seinem Musikerkollegen Gustav Hebel gemeinsam zum Bahnhof im Lautertal. Hier trafen sich alle Musiker der Ulrichskapelle, um zusammen nach Holland zu reisen. Ein Großteil der Familienangehören der Musiker hatte sich am Bahnhof eingefunden um sie zu verabschieden. Klara und ihre Kinder verabschiedeten sich wehmütig, denn nun lag die Verantwortung für die nächsten Monate wieder allein bei der Mutter.
Nachdem der Zug die Bahnstation verlassen hatte, stieg man wieder auf den Bauernwagen und es ging zurück in den Heimatort. So langsam spielte sich das Leben ohne Vater im trauten Heim wieder ein. Alle warteten sehnsüchtig auf die Briefe des Vaters, in denen er von den Auftritten und dem Leben im Kurort berichtete. Er gab auch Ratschläge an seine Frau weiter, was sie zu Hause auszurichten hatte. Bedenkt man die Zeiten der Inflation, so wollte er gewiss sein hart verdientes Geld in Sicherheit wissen. Ob es ihm wie seinem Musikerkollegen Gustav ging, ist nicht bekannt. Gustavs Frau wurde von diesem aufgetragen, seine Goldmünzen nach Wolfstein zum Bankier zu bringen, da er gehört hatte, die Goldmünzen würden wertlos. Dort wurden sie in Papiergeld getauscht, welches aber nach wenigen Monaten zusehend an Wert verlor, während die Goldwährung nach wie vor stabil blieb.
So ging es Jahr für Jahr bis die Musiker in Holland nicht mehr so dringend benötigt wurden und nicht mehr so gut verdienten. Einmal sagte man zu ihnen, sie sollten zu Hause bleiben, denn „was ihr könnt, können wir auch“.
Das Ende des Wandermusikantentums war endgültig angebrochen. Mittlerweile waren die Kinder von August und Klara groß geworden. Ein wenig Erspartes und ihre kleine Landwirtschaft reichten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. August war immer noch seiner Musik sehr zugetan. Er wirkte als Altmusiker in der Vereinskapelle mit und genoss es, gelegentlich in kleinen Gruppen zu spielen. Klara gönnte ihrem Mann diese willkommene Abwechslung, denn im Arbeitsablauf in der Landwirtschaft tat er sich schwer.
Hier hatte eindeutig Klara das Sagen und mehr Erfahrung. Woher sollte er auch alles wissen. Bereits als Kind hatte er das Dorf ja nur im Winter erlebt. Die landwirtschaftlichen Arbeiten im Sommer waren ihm fremd. So kam es, dass er nun einem neuen Dirigenten zu folgen hatte. Klara bestimmte einen Großteil des gemeinsamen Tagesablaufs. Meist musste August die Kühe führen und Klara lenkte den Pflug. Wahrscheinlich akzeptierte er diese Gegebenheiten. Vielleicht waren beide auch froh, doch noch einige gemeinsame Jahre zusammen verbringen zu können.
Nun sollte aber eine neue schwere Zeit für beide beginnen. Der Zweite Weltkrieg bescherte ihnen die Abwesenheit der beiden Söhne. Ihr Sohn Richard starb den „Heldentod, im harten aber siegreichen Kampf... um Stalino “ am 23. Oktober 1941 in Russland, wie man dem Ehepaar in einem kurzen Brief mitteilte. Auch der Sohn Eugen erlitt verschiedene Kriegsverletzungen bevor er im Herbst 1944 vorzeitig entlassen wurde. Während dieser schweren Zeit boten der Haushalt von Klara und August ihnen und ihren beiden Töchtern erneut die gewohnte familiäre Wärme, die so dringend benötigt wurde. Weiterhin versorgten sie noch einen Jungen, welcher mit seiner Schulklasse aus Ludwigshafen nach Jettenbach evakuiert war. Er fand in ihrem Haus eine behütete Unterkunft. Bei Luftangriffen auf Kaiserslautern suchten die beiden Töchter Frieda und Anna mit ihrem Sohn Walter immer wieder die Nähe der Eltern. Auch ein Radio gab es damals schon im Haushalt, um die Nachrichten von der Front, als auch andere Informationen (möglicherweise auch vom „Feindsender“) zu bekommen. Oft hatte man abends Besuch, der dann zum Zeitpunkt der Nachrichten von der Küche ins Wohnzimmer wechselte. So konnten sich Klara und August immer als Mittelpunkt ihrer Familie und Freunde fühlen. Auch nach Kriegsende war das Radio im Hause Kläres eine begehrte Informationsquelle.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gaben sie ihre kleine Landwirtschaft auf. August musizierte immer noch im Musikverein, den es neu zu beleben galt. August Kläres verstarb 1949.
Nun war Klara wieder auf sich selbst gestellt. Was hatte sie schon alles erlebt. Zwei ihrer Kinder verstarben im Kindesalter. Der Zweite Weltkrieg nahm ihr einen Sohn und auch der Schwiegersohn kehrte nicht mehr heim. Immer wieder ging ihr Leben im gewohnten Umfeld weiter. Im gemeinsamen Haushalt blieben dann ihr Sohn Eugen mit Frau und Tochter. Klara konnte so ihren Lebensabend in Jettenbach, im Alten Weg, verbringen. Wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag verstarb die „Musikantenfrau Klara“ und fand ihre letzte Ruhe neben ihrem schon lange verstorbenen Mann.

Autor: Michael Cappel
Foto: Privat
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