Ria Stemler

Ria Stemler

(1916 - 2003)

Matzenbach

Mundartdichterin und Familienfrau

Seit den 1970er Jahren schrieb Ria Stemler kleine Texte, Prosa und Lyrik, trug sie vor und verschenkte sie. Eines ihrer Werke reichte sie bei der Redaktion des Westrichkalenders ein. 1973 nahm sie mit dem Gedicht „De Gemäänerat“ am Bockenheimer Mundartdichter-Wettstreit teil und errang einen Preis. Frau Stemler, geborene Hartmüller, kam am 19. April 1916 in Mertesheim zur Welt und wurde Maria Elisabeth getauft. Die Jüngste von vier Geschwistern, von klein auf Ria genannt, verlebte ihre Kindheit in einer Eisenbahnerfamilie. 1923 brachte die Ausweisung der Eisenbahner aus der Pfalz die erste Erschütterung für die Familie; sie kam in München unter. Um ihren Kindern in der Fremde etwas von der Pfalz zu vermitteln, las Rias Mutter die „Kinnersprich vum Ludewig“ vor; sie lernten die Gedichte im pfälzischen Dialekt auswendig, trugen sie vor. Dass ihre Mutter ein Buch im Gepäck hatte, machte Ria auf seine Bedeutung aufmerksam. Wieder in der Pfalz zurück, durfte Ria, 10 Jahre alt, zusammen mit ihrer Schwester als Fahrschülerin die Höhere weibliche Bildungsanstalt in Kaiserslautern besuchen. Dem wissbegierigen Kind gefiel das Gymnasium, die Vielfalt der Fächer, das Angebot an neuem Stoff. Ria war eine aufmerksame Schülerin, hatte gute Noten, erinnerte sich lebenslang an Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule.
1932 wurde ihr Vater nach Eisenbach, Kreis Kusel, versetzt. In Matzenbach, auf der anderen Seite des Glantals, wohnte der 1907 geborene Walter Stemler, ein Schreiner, der sich nach Lehre und Gesellenjahren auf die Meisterprüfung vorbereitete. Ria und der junge Mann lernten sich 1933 kennen. Im Juni 1938 heiratete das Paar in der Gimsbacher Kirche. Sie bezogen eine Wohnung in Steinbach, wo Walter Stemler eine Anstellung gefunden hatte. Eine Tochter wurde geboren; fünfzehn Monate später kam ein zweites Mädchen zur Welt. Im Juni 1939 musste Walter Stemler Soldat werden. Ria war mit ihren beiden kleinen Kindern allein. Erst 6 Jahre später, im September 1945, kam Walter Stemler aus Krieg und anschließender Gefangenschaft zurück. Die Familie zog nach Matzenbach, wo er eine Werkstatt gefunden hatte, eigene Ideen verwirklichen und eine Existenz aufbauen konnte. Zur Freude der Eltern kam noch ein Mädchen zur Welt. Die Töchter der Familie Stemler durften die Handelsschule besuchen und Berufe lernen, die sie sich wünschten. Walter Stemler arbeitete bis er 1985; 78 Jahre alt geworden, starb.
Inzwischen betreute Ria Stemler ihre Enkel. In ihrer knappen Freizeit las sie Bücher Pfälzer Autoren. 1979 schickte sie das Gedicht „Hexenacht“ nach Bockenheim, 1980 folgte „Mei Palz“. Mit ihren drei Gedichten ist sie in „Ich bin gern do“, und in „Allminanner“, den zwei Dokumentationen des Bockenheimer Dichterwettstreits vertreten. Eine ihrer Kurzgeschichten erschien in dem 1986 vom Kultusministerium aufgelegten Sammelband „Literatur aus Rheinland-Pfalz“, Anthologie III. Ria lernte die Schriftstellerin Susanne Faschon kennen. Beide Frauen waren freundschaftlich verbunden, telefonierten und wechselten Briefe. Als zu ihrem 85. Geburtstag ein Porträt erschien, sagte sie: „Dass mein Leben so turbulent gewesen war, wusste ich bisher nicht, aber es war tatsächlich so“. Bis zu ihrem Tod 2003 lebte sie zurückgezogen in ihrem Haus in Matzenbach und mied jegliches Aufsehen um ihre Person.
Autorin: Marliese Fuhrmann
Foto: Privat
aus „Anna und Andere – Frauenwege in der Pfalz“
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